{"id":2513,"date":"2025-02-11T09:32:12","date_gmt":"2025-02-11T08:32:12","guid":{"rendered":"https:\/\/www.hs-nordhausen.de\/science-blog\/?p=2513"},"modified":"2025-02-11T09:32:15","modified_gmt":"2025-02-11T08:32:15","slug":"altern-in-haft-ein-ueberblick-ueber-die-situation-aelterer-menschen-im-deutschen-justizvollzug","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.hs-nordhausen.de\/science-blog\/altern-in-haft-ein-ueberblick-ueber-die-situation-aelterer-menschen-im-deutschen-justizvollzug\/","title":{"rendered":"Altern in Haft &#8211; ein \u00dcberblick \u00fcber die Situation \u00e4lterer Menschen im deutschen Justizvollzug"},"content":{"rendered":"\n<p>von Dr. Andrea Kenkmann<\/p>\n\n\n\n<p><strong>\u00c4ltere Menschen in Haft sind eine \u00e4u\u00dferst vulnerable Gruppe. Neben der Belastung der Inhaftierung erfahren sie weitere Herausforderungen auf Grund ihres Alter(n)s.\u00a0 Gemeinsam mit ihren Co-Autor:innen Christian Ghanem (TH N\u00fcrnberg), Liane Meyer (DHBW Karlsruhe), Sandra Verh\u00fclsdonk (Heinrich Heine Universit\u00e4t D\u00fcsseldorf) hat Andrea Kenkmann die Einflussfaktoren auf die Alterungsprozesse dieser Gruppe systematisch analysiert.<\/strong><a href=\"#_ftn1\" id=\"_ftnref1\">[1]<\/a><\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p>Der demografische Wandel macht auch vor dem Strafvollzug nicht halt. Der Anteil \u00e4lterer Menschen in Haft hat in den vergangenen Jahrzehnten deutlich zugenommen, sodass inzwischen ca. 17% der Inhaftierten \u00fcber 50 Jahre alt sind. &nbsp;Studien zeigen, dass Alterungsprozesse durch die Inhaftierung beschleunigt werden. So kann der Gesundheitszustand einer 50-j\u00e4hrigen inhaftierten Person dem einer 65-j\u00e4hrigen Person der Allgemeinbev\u00f6lkerung entsprechen. Die Gruppe der \u00e4lteren Menschen in Haft ist jedoch heterogen, sodass sich individuelle Bedarfe und Herausforderungen unterscheiden. Es ist dementsprechend wichtig Einflussfaktoren auf die Lebenslagen und Alterungsprozesse dieser Gruppe zu erkennen, um so gezielte Unterst\u00fctzungsangebote zu konzipieren. Von diesen profitieren nicht nur die Betroffenen selbst, sondern auch die Gesellschaft, denn durch die Perspektive auf ein menschenw\u00fcrdiges Leben nach der Haft kann einerseits eine erneutes Abdriften in die Kriminalit\u00e4t vermieden als auch die Kosten des Gesundheitssystems durch eine Reduzierung der Pflegebed\u00fcrftigkeit gesenkt werden.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Autor:innenteam hat in der Vergangenheit zahlreiche empirische Studien zu dem Thema durchgef\u00fchrt. In dieser Publikation werden diese systematisch zusammengetragen und einem internationalen Publikum zug\u00e4nglich gemacht.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00c4ltere Menschen in Haft sind keine homogene Gruppe. Bereits zu Haftantritt unterscheiden sich die Lebensbedingungen und der Gesundheitszustand deutlich. Man kann zwischen drei unterschiedlichen Gruppen von \u00e4lteren Menschen in Haft unterscheiden.: a) Menschen, die erstmals im Alter straff\u00e4llig werden, b) Menschen, die immer wieder inhaftiert waren in ihrem Leben und c) diejenigen, die in Haft alt werden. Im deutschen Strafvollzug gibt es bedauerlicherweise keine standardm\u00e4\u00dfigen Gesundheitsuntersuchungen, sodass eine differenzierte Analyse der Inhaftierten zu Haftbeginn kaum m\u00f6glich ist. Personen mit vorherigen Inhaftierungen weisen h\u00e4ufig Suchtproblematiken auf, die einen besonders negativen Einfluss auf die Gesundheit hat.<\/p>\n\n\n\n<p>Die gesundheitlichen Defizite der \u00e4lteren Inhaftierten sind vielf\u00e4ltig. \u00dcber ein Viertel der Menschen der \u00fcber 50-J\u00e4hrigen hat bereits f\u00fcnf oder mehr chronische Krankheiten, darunter sind typische Alterskrankheiten wie Diabetes, Athrose und Bluthochdruck. Liegen mindestens zwei chronische Erkrankungen vor, spricht man von Multimorbidit\u00e4t. &nbsp;Mobilit\u00e4ts- und sensorische Einschr\u00e4nkung sind bei vielen vorhanden, auch Inkontinenz tritt in deutschen Gef\u00e4ngnissen auf. Die psychische Gesundheit der Inhaftierten ist ebenfalls beeintr\u00e4chtigt. Fast die H\u00e4lfte der \u00e4lteren Menschen in Haft zeigen Anzeichen von Depressionen.&nbsp; Kognitive Einschr\u00e4nkungen liegen sch\u00e4tzungsweise bei jeder dritten \u00e4lteren Person in Haft vor. Inwiefern die Gesundheitseinschr\u00e4nkungen bereits bei Haftantritt vorliegen oder sich erst im Laufe der Haft entwickeln oder verschlimmern, l\u00e4sst sich derzeit nicht genau bestimmen. Hierzu br\u00e4uchte es systematische Gesundheitsassessments bei Haftantritt.<\/p>\n\n\n\n<p>Neben den gesundheitlichen Einschr\u00e4nkungen sind auch die sozialen Netzwerke dieser Gruppe fragil. Der Anteil der Geschiedenen ist in dieser Altersgruppe h\u00f6her in Haft als in der Allgemeinbev\u00f6lkerung. In den letzten Jahrzehnten hat sich auch der Anteil derjenigen ohne festen Wohnsitz erh\u00f6ht. Besonders durch l\u00e4ngere Haftstrafen werden vielfach soziale Beziehungen nachhaltig gesch\u00e4digt.<\/p>\n\n\n\n<p>W\u00e4hrend ihrer Inhaftierung finden \u00e4ltere Menschen sehr unterschiedliche Haftbedingungen vor. F\u00fcr diejenigen, die in Standardhaftzellen untergebracht sind, gibt es regionale Unterschiede hinsichtlich der Ausstattung und der vorhandenen Unterst\u00fctzungsangebote, da in Deutschland der Justizvollzug Aufgabe der Bundesl\u00e4nder ist. Einige Haftanstalten bieten aber bereits separate Abteilungen f\u00fcr diese Gruppe an. In diesen sogenannten &#8218;Lebens\u00e4lterenabteilungen&#8216; wird nicht nur Barrierefreiheit gew\u00e4hrleistet, sondern auch der Vollzug anders gestaltet. So sind hier die Zellent\u00fcren tags\u00fcber offen, oft k\u00f6nnen Inhaftierte gemeinsam kochen und es gibt in der Regel altersspezifische Unterst\u00fctzungsangebote, wie Gymnastik oder kognitives Training. So sollen die Alltagskompetenzen dieser Gruppe aufrechterhalten bleiben. Die Originalpublikation betont hier auch die Bedeutung sozialer Isolation und deren Auswirkungen auf die psychische Gesundheit \u00e4lterer Inhaftierter. Es wird hervorgehoben, dass der Verlust sozialer Kontakte und die Trennung von Familie und Freunden das Risiko f\u00fcr Depressionen und andere psychische Erkrankungen erh\u00f6hen k\u00f6nnen. Wichtig sind auch geeignete und sinnstiftende Arbeitsaktivit\u00e4ten, um so auch die psychische Gesundheit zu st\u00e4rken. Die Unterbringung im offenen Vollzug ist eine weitere M\u00f6glichkeit, die aber nur relativ selten genutzt wird. Eine betr\u00e4chtliche Anzahl der \u00e4lteren Personen in Haft befindet sich in der Sicherungsverwahrung, eine Weiterf\u00fchrung der Inhaftierung nach Ende der Strafhaft aufgrund von Sicherheitsbedenken. Die Studie diskutiert in diesem Zusammenhang auch die aktuellen rechtlichen Rahmenbedingungen f\u00fcr den Umgang mit \u00e4lteren Inhaftierten und gibt Empfehlungen f\u00fcr Verbesserungen, um den spezifischen Bed\u00fcrfnissen dieser Gruppe gerecht zu werden.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Ergebnisse der Analyse haben nicht nur Bedeutung f\u00fcr ein internationales Publikum, dass so von deutschen Herausforderungen und Interventionen lernen kann, sondern es werden auch Forschungsl\u00fccken in Deutschland aufgezeigt. So br\u00e4uchte es einerseits Langzeitstudien, um Alterungsprozesse der Inhaftierten besser zu verstehen, aber andererseits auch mehr Informationen zu der Situation nach der Haftentlassung.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Die Forschung hat auch regionale Bedeutung, da eine unzureichende Versorgung dieser Gruppe nicht nur grundlegende Menschenrechte verletzt, sondern auch das Risiko einer R\u00fcckf\u00e4lligkeit nach der Entlassung erh\u00f6ht. Studierende der Sozialen Arbeit profitieren von der Forschung in dem Bereich, da Ergebnisse mit in die Lehre einflie\u00dfen und sowohl die Problematiken von Menschen in Haft als auch \u00e4ltere Menschen veranschaulichen. Die Publikation finden Sie hier <a href=\"https:\/\/doi.org\/10.3390\/socsci13120665\" rel=\"noopener\">https:\/\/doi.org\/10.3390\/socsci13120665<\/a><\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p><a id=\"_ftn1\" href=\"#_ftnref1\">[1]<\/a> Vgl. z. B. <a href=\"https:\/\/www.mdpi.com\/2673-9259\/4\/2\/6\" rel=\"noopener\">Kenkmann % Ghanem 2024<\/a>; <a href=\"https:\/\/pubmed.ncbi.nlm.nih.gov\/37889393\/\" rel=\"noopener\">Verh\u00fclsdonk et al. 2023<\/a>; <a href=\"https:\/\/www.beltz.de\/fachmedien\/sozialpaedagogik_soziale_arbeit\/produkte\/details\/47469-strafvollzug-und-demografischer-wandel.html\" rel=\"noopener\">Meyer 2021<\/a><\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>von Dr. Andrea Kenkmann \u00c4ltere Menschen in Haft sind eine \u00e4u\u00dferst vulnerable Gruppe. 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