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Hochschule Nordhausen

Ein neues Fundament für das digitale Produktmanagement: Erstes weltweites Lehrbuch zum Produktmanagement digitaler Produkte erschienen
Ein neues Fundament für das digitale Produktmanagement: Erstes weltweites Lehrbuch zum Produktmanagement digitaler Produkte erschienen
Veröffentlicht am: 2. April 2026
Milliarden Menschen nutzen täglich digitale Produkte, und Unternehmen wie Spotify, Amazon oder SAP bauen ihre gesamte Organisation um diese herum auf. Etwas zu erschaffen und die Welt aktiv zu verändern ist ein menschlicher Ausdruck unserer Fähigkeiten. In der modernen Digitalwirtschaft hat dieser Gestaltungswille in der Rolle des Produktmanagements sein zuhause gefunden. Doch wer sich diesem Feld heute annähern will, stößt auf eine Hürde: Begriffe, Konzepte und Praktiken sind oft uneinheitlich und widersprüchlich. Es herrscht eine ausgeprägte Sprachvielfalt, die den Diskurs zwischen Wissenschaft und Praxis erschwert.
Wer nach einer systematischen Verbindung von Forschung und Praxis sucht, fand bisher zwar unzählige Practitioner-Guides und Blogposts, aber kein deutschsprachiges Lehrbuch, das dieses Feld als eigenständige Disziplin behandelt. „Mein Ziel mit dem neuen Lehrbuch „Produktmanagement: Kontinuierliche Innovation digitaler Produkte“ ist es, hier eine Brücke zu schlagen,“ so Prof. Dr. Lutz Göcke von der Hochschule Nordhausen. Zusammen mit Michael Schultheiß (reMarkable) hat er diese Lücke geschlossen und Anfang 2026 das Lehrbuch zum Thema „Produktmanagement“ veröffentlicht.

Abb.1: Prof. Dr. Lutz Göcke präsentiert das neue Standardwerk ‚Produktmanagement: Kontinuierliche Innovation digitaler Produkte‘, das er gemeinsam mit Co-Autor Michael Schultheiß veröffentlicht hat. ©Bild: Lutz Göcke
Warum ist dieser Bereich so essenziell? Digitales Produktmanagement ist eines der gefragtesten Berufsfelder der Digitalwirtschaft. Wir erleben gerade eine fundamentale Verschiebung: Während Engineering durch generative KI immer schneller wird, liegt der eigentliche Engpass heute bei den Ideen und klaren Produktrichtungen. Das bedeutet: Die Kompetenz, zu entscheiden, was gebaut wird und ob es bei den Nutzern wirklich ankommt, bestimmt künftig über den Erfolg digitaler Produkte. Technische Umsetzung (Delivery) verliert durch Technologiefortschritt an Hürden und gleichzeitig muss die menschliche Fähigkeit in der Discovery und Direction zum entscheidenden Wettbewerbsvorteil steigen.
Digitales Produktmanagement hat ein Paradox: Milliarden Menschen nutzen digitale Produkte. Tausende Menschen arbeiten im digitalen Produktmanagement und bauen ihre Organisationen darum herum auf. Doch an deutschsprachigen Hochschulen existierte bislang kein Lehrbuch, das digitales Produktmanagement als eigenständige Disziplin behandelt. Es gibt Standardwerke zum klassischen Produktmanagement physischer Güter (z. B. von Herrmann & Huber, Aumayr oder Pepels), umfangreiche Forschung zu digitalen Innovationen und einflussreiche Bücher von Praktikern vor allem aus dem angelsächsischen Raum (Cagan, Torres, Perri, Wille). Was fehlte, war ein Werk, das beides zusammenführt: die wissenschaftliche Fundierung und die Praxis digitaler Produkte
Digitale Produkte unterscheiden sich fundamental von physischen Produkten. Sie sind editierbar, verteilt, interaktiv und auch nach ihrer Bereitstellung reprogrammierbar. Interaktivität und Verteiltheit ermöglichen, dass einzelne digitale Objekte während der Entwicklung kombiniert werden können (z. B. durch Open Source Code oder Schnittstellen). Hieraus ergibt sich eine Vielzahl an Kombinationsmöglichkeiten für Entwicklungsteams zur Entwicklung eines digitalen Produktes. Diese Eigenschaften ermöglichen verteilte Entwicklungsprozesse, erhöhen die Reichweite digitaler Produkte und führen zu deutlich kürzeren Entwicklungszyklen im Vergleich zu physischen Gütern. Gutenberg sah, als Vordenker der Betriebswirtschaft, den Sinn jeder betrieblichen Tätigkeit in der Bereitstellung von Produkten und Dienstleistungen. Dieses Verständnis hat viele deutsche Unternehmen in Bezug auf Ihre Digitalaktivitäten noch nicht erreicht. Häufig werden diese als reine IT-Aktivitäten missverstanden und die digitalen Angebote geraten nicht selten ins Abseits und werden bei Updates vergessen. Spätestens mit der Novellierung der Produkthaftungsrichtlinie (EU) 2024/2853 ist es für Unternehmen, aber auch rechtlich von großer Bedeutung, dass sie digitale Erzeugnisse als Produkte verstehen und diese über den gesamten Lebenszyklus führen. Anders als ein Projekt hat ein Produkt damit kein terminlich festgelegtes Ende, sondern besteht so lange fort, wie es einen Beitrag zu den Unternehmenszielen leistet, bzw. intern legitimiert ist.
Das Produktmanagement fokussiert sich darauf die Entscheidungen über die Richtung eines Produktes zu fällen und sie in interdisziplinären Teams zu vertreten, bzw. kollaborativ zu entwickeln. Es übernimmt somit eine zentrale Bedeutung für die Entwicklung digitaler Produkte. Obwohl viele Digitalunternehmen Produktmanagement in ihrem Unternehmen etabliert haben, fehlte es in der Vergangenheit an einer strukturierten Aufarbeitung darüber, was digitales Produktmanagement ausmacht. „Produktmanagement wird in vielen Unternehmen praktiziert, aber selten gelehrt“, sagt Prof. Dr. Lutz Göcke, Professor für Digitales Management an der Hochschule Nordhausen. Gemeinsam mit Michael Schultheiß, Vice-President Product & Technology beim norwegischen Technologieunternehmen reMarkable, hat er das Lehrbuch „Produktmanagement: Kontinuierliche Innovation digitaler Produkte“ verfasst. Es erschien im Februar 2026 bei Springer Gabler und umfasst 679 Seiten mit rund 400 Abbildungen und Tabellen. Mehr als 30 Fachleute aus Wirtschaft und Wissenschaft haben das Manuskript begutachtet, darunter Professoren, Gründer, Product Manager und Alumni der Hochschule Nordhausen.
Das 6D-Modell: Produktmanagement als kontinuierlicher Zyklus

Abbildung 2: Das 6D-Modell für kontinuierliche Innovation digitaler Produkte, ©Abbildung: Lutz Göcke
Das konzeptionelle Rückgrat des Buches ist das 6D-Modell. Es beschreibt Produktmanagement als Zyklus aus sechs Dimensionen und geht aus den Besonderheiten digitaler Produkte hervor:
Was das Modell für die Fachdiskussion interessant macht, sind vor allem drei Merkmale:
Das 6D-Modell baut auf Ansätzen wie Design Thinking und Lean Startup auf, verankert sie aber in empirischer Forschung.
Das Lehrbuch ist eng mit der Hochschule Nordhausen verbunden. Die Hochschule Nordhausen bietet mit dem Bachelorstudiengang „Digitales Produktmanagement (B.A.)“[1] den ersten Studiengang an einer staatlichen deutschen Hochschule, der Produktmanagement in den Mittelpunkt stellt. Das Curriculum verbindet Digital Experience, Digital Products und Digital Management. Ab dem zweiten Semester arbeiten Studierende in Projektmodulen an realen Herausforderungen, ergänzt durch ein Praxissemester. Absolventinnen und Absolventen arbeiten heute als Product Manager bei der C24 Bank oder Thermondo, als Berater oder gründen eigene Unternehmen.
Das Buch entstand über mehrere Jahre aus der Lehre heraus, und die Lehre profitiert umgekehrt von der Buchrecherche. Dass mehrere Alumni als Reviewer am Manuskript mitgewirkt haben, zeigt: Die Absolventinnen und Absolventen sind längst selbst Teil der Fachcommunity.
Am 19. März 2026 stellten die Autoren das Buch bei einer Abendveranstaltung in der Berliner Designagentur edenspiekermann vor. Rund 80 Gäste kamen. Im Rahmen einer Paneldiskussion diskutierten Laura Fehre (Figma), Tobias Freudenreich (HeyClarity), Eleonora Scherl (Amazon Web Services) und Michael Schultheiß (reMarkable) gemeinsam mit Prof. Dr. Göcke über die Zukunft des Produktmanagements im Zeitalter künstlicher Intelligenz. Auch Studierende und Alumni der HSN waren im Publikum.

Abb.3: Wissenschaft trifft Praxis: Prof. Dr. Lutz Göcke gemeinsam mit Alumni der Hochschule Nordhausen beim Launch-Event in Berlin. Viele der ehemaligen Studierenden wirken heute selbst als Experten im digitalen Produktmanagement und begleiteten die Entstehung des Lehrbuchs als Reviewer. ©Bild: Lutz Göcke
Lars Jankowfsky, Gründer von Swoodoo (heute Kayak), bringt es auf den Punkt: „Engineering wird durch generative KI immer schneller. Der Engpass liegt heute bei den Ideen und klaren Produktrichtungen.“
Übersetzt ins 6D-Modell: Wenn Delivery durch KI-gestützte Entwicklung an Geschwindigkeit gewinnt, wird alles vor und nach der Delivery wichtiger. Discovery, Direction, Diffusion, Data & Insights: die Dimensionen, in denen Menschen den Unterschied machen. Wer entscheidet, was gebaut wird und ob es bei Nutzern ankommt, bestimmt den Erfolg digitaler Produkte.
Das Buch erhebt nicht den Anspruch, das letzte Wort zu sein. Es ist ein Fundament, auf dem aufgebaut werden kann. Die Hochschule Nordhausen bildet die Menschen aus, die diese Produkte gestalten, und liefert ihnen jetzt das Lehrbuch dazu.
Prof. Dr. André Hanelt, Professor für das Management der Digitalen Transformation, Universität Kassel sieht in dem Buch „Eine überzeugende Verbindung von Wissenschaft und Praxis, die eine Lücke in der Literatur zu Wirtschaftsinformatik und digitaler Transformation schließt – und wertvolle Impulse für Forschung und Lehre gibt.“
Dr. Ralf Kuschnereit, Mitglied des Vorstands der JENOPTIK AG, betont den Nutzen für Unternehmen, die digitale Geschäftsmodelle aufbauen: „Eine wertvolle Grundlage, um in Konzernen das digitale Produktmanagement nicht nur zu verstehen, sondern gezielt und nachhaltig aufzubauen.“
Prof. Dr. Dr. Ricarda Schlimbach, Professorin für Wirtschaftsinformatik an der Hochschule Heilbronn, sieht in dem Werk einen Beitrag für die Hochschullehre, die Produktmanagement bislang vor allem als Teilaspekt von Marketing oder Wirtschaftsinformatik behandelt hat: „Endlich eine fundierte Basis, um digitales Produktmanagement systematisch in die akademische Lehre einzubetten.“
Petra Wille, Product Leadership Coach und Autorin von „STRONG product people“, ordnet das Buch für Berufseinsteiger ein: „Für alle, die neu ins Produktmanagement starten, ist das Buch ein sicherer Kompass.“

Abb.4: Expertenaustausch beim Launch-Event in Berlin: Timo Bolse (VP Product at OLX Group) im Gespräch mit den beiden Autoren Prof. Dr. Lutz Göcke und Michael Schultheiß (reMarkable) über die Zukunft des digitalen Produktmanagements. ©Bild: Lutz Göcke
Zum Buch:
Lutz Göcke, Michael Schultheiß: Produktmanagement: Kontinuierliche Innovation digitaler Produkte
Springer Gabler, Februar 2026. 679 Seiten, ca. 400 Abbildungen und Tabellen.
ISBN 978-3-658-49109-3 | DOI: 10.1007/978-3-658-49110-9
[Zum Buch bei Springer Nature](https://link.springer.com/book/10.1007/978-3-658-49110-9)
Zum Studiengang:
Digitales Produktmanagement (B.A.) an der Hochschule Nordhausen (https://www.hs-nordhausen.de/studiengang/digitales-produktmanagement/). Bewerbungen für das Wintersemester sind ab Mai möglich.
[1] https://www.hs-nordhausen.de/studiengaenge/digitales-produktmanagement/
Prof. Dr. Lutz Göcke