4. September 2026


Nordhausen, 04.09.2026 – Manchmal reicht ein einziges Ereignis, um ein Studium ins Wanken zu bringen: eine schwere Erkrankung in der Familie, das Geld, das plötzlich nicht mehr reicht, eine depressive Phase, aus der es allein kein Herausfinden gibt. An der Hochschule Nordhausen gibt es für solche Momente seit 2021 eine Anlaufstelle. Die Hochschulsozialarbeit (HSA) begleitet Studierende durch schwierige Lebensphasen – vertraulich, unbürokratisch und unabhängig von der Studienverwaltung. Zum Jahresende läuft die ministerielle Finanzierung dieses Angebots aus. Damit steht ein Unterstützungssystem infrage, das sich über Jahre bewährt hat – und dessen Nachfrage zuletzt so stark gestiegen ist wie nie zuvor.

Drei Frauen vor Blumen im GartenFoto: Tina Bergknapp / Hochschule Nordhausen
Das Team der Hochschulsozialarbeit der Hochschule Nordhausen (v. l. n. r.): Marie-Therese Weber, Conny Sander und Ines Jahne (Foto: Tina Bergknapp)

Was ist die Hochschulsozialarbeit?

Die Hochschulsozialarbeit ist ein Beratungs- und Begleitangebot für Studierende, die in eine schwierige Lebenslage geraten sind. Sie unterstützt bei psychischen Belastungen wie Prüfungsangst, Überforderung oder depressiven Phasen, bei finanziellen Notlagen, bei Fragen rund um die Studienorganisation und in persönlichen Krisen. Das Angebot ist aufsuchend, niedrigschwellig, vertraulich und unabhängig von der Studienverwaltung. Studierende können sich melden, ohne dass ihre Anliegen Einfluss auf Prüfungen oder den Studienverlauf haben – ein wichtiger Punkt, denn gerade die Sorge, dass persönliche Probleme aktenkundig werden könnten, hält viele davon ab, sich Hilfe zu suchen.

„Je früher Studierende auf die HSA zukommen, umso rechtzeitiger können eigene Lösungen gemeinsam erarbeitet werden, und es besteht die Möglichkeit, Stress und Druckgefühle eher abzubauen. Auch kann eine Verweisberatung schneller zur richtigen Fachstelle erfolgen. Durch einen angstfreien Zugang existieren weniger Barrieren für Studierende, um sich mit häufig sehr sensiblen Themen doch relativ fremden Menschen zu öffnen und sich Hilfe zu holen“, sagt Conny Sander, Leiterin der Hochschulsozialarbeit.

Wer steht hinter dem Angebot?

Getragen wird die HSA von drei Kolleginnen mit unterschiedlichen fachlichen Schwerpunkten. Conny Sander leitet die Hochschulsozialarbeit; die Diplom-Pädagogin verantwortet die administrative und operative Arbeit und ist Lerncoach und Coach nach den Richtlinien der Deutschen Gesellschaft für Coaching (DGfC). Marie-Therese Weber ist Hochschulsozialarbeiterin, hat Soziale Arbeit (B.A.) studiert, arbeitet als systemische Beraterin und ist im operativen Beratungsgeschäft tätig. Ines Jahne ist wissenschaftliche Mitarbeiterin mit einem Master in Sozialer Arbeit und betreut die interne Evaluation sowie die Öffentlichkeitsarbeit.

Die HSA ist innerhalb der Hochschule gut vernetzt und arbeitet eng mit einer Vielzahl interner Stellen zusammen. Reicht ein Anliegen über die Möglichkeiten der Hochschulsozialarbeit hinaus, vermittelt das Team an externe Fachstellen weiter – etwa an niedergelassene Psychotherapeutinnen und -therapeuten, den Sozialpsychiatrischen Dienst (SpDi), die Psychiatrie des Südharz Klinikums, die BAföG-Stelle und den Allgemeinen Sozialen Beratungsdienst des Studierendenwerks, die Ausländerbehörde oder die Wohnungsbaugesellschaft.

Wie die HSA konkret arbeitet

Der Weg zur Beratung ist bewusst einfach gehalten. Studierende wenden sich per E-Mail, über einen Messenger oder in der Sprechstunde an das Team – manche stehen auch einfach auf dem Campus vor der Tür. Auf Wunsch ist eine anonyme Kontaktaufnahme per Mail möglich. In einem vertraulichen Gespräch wird gemeinsam geklärt, worin die Belastung genau besteht, und welche nächsten Schritte weiterhelfen. Manche brauchen nur ein einziges Gespräch zur Orientierung, andere werden über Wochen oder Monate begleitet. Die Kolleginnen hören zu, sortieren mit, stellen Kontakte her und helfen dabei, den Überblick zurückzugewinnen, wenn mehrere Probleme gleichzeitig auftreten.

Dass diese Begleitung oft länger trägt, zeigen die eigenen Zahlen: In 47 Prozent der Fälle folgt auf den Erstkontakt ein zweites Gespräch, in 31 Prozent kommt es zu bis zu vier Kontakten, und in 22 Prozent begleitet die HSA Studierende über einen längeren Zeitraum hinweg.

Ein Beispiel aus der Praxis macht deutlich, wie vielschichtig die Anliegen sein können: Im Mittelpunkt einer Beratung steht ein internationaler Studierender, der sich in einer besonders belastenden Phase seines Studiums befindet. Neben psychosozialen Belastungen wie Stress, Heimweh und dem zunehmenden Druck durch das Studium spielen auch geringe Deutschkenntnisse eine wichtige Rolle. Die sprachlichen Herausforderungen erschweren insbesondere die Prüfungsvorbereitung und führen zu Lernrückständen. Gleichzeitig besteht aufgrund der langen Studiendauer ein erheblicher Druck durch das Elternhaus.

Eine weitere Herausforderung ist der bevorstehende Abschluss der Bachelorarbeit, die in deutscher Sprache fertiggestellt werden musste. Der Studierende benötigte Unterstützung bei der Strukturierung seines Lern- und Arbeitsprozesses – bei der Prioritätensetzung, der Lernorganisation und der Auswahl geeigneter Lernmethoden. Hinzu kamen rechtliche und administrative Fragen rund um Visum und Aufenthaltsgenehmigung, deren Verlängerung an die Studienleistungen geknüpft war. Auch Fragen zu Übersetzungen und Anerkennungen, zum Sperrkonto sowie zur Kommunikation mit der Ausländerbehörde führten zu zusätzlicher Unsicherheit. Als schließlich noch ein technischer Datenverlust hinzukam, stellte sich die Frage nach einer möglichen Fristverlängerung. Durch die Beratung wurde der Studierende dabei unterstützt, die verschiedenen Herausforderungen zu sortieren, Lösungen zu entwickeln und wieder Handlungssicherheit zu gewinnen – die Begleitung reichte bis zur Abschlussprüfung.

Das Beispiel verdeutlicht, dass Hochschulsozialarbeit weit über die klassische Studienberatung hinausgeht: Sie nimmt die gesamte Lebenssituation der Studierenden in den Blick, verbindet psychosoziale Unterstützung mit konkreter Hilfe bei studienbezogenen, sprachlichen und sozialen Herausforderungen und trägt damit dazu bei, Studienerfolg auch in schwierigen Lebenssituationen zu ermöglichen.

Für wen das Angebot da ist

Die HSA steht allen Studierenden der Hochschule Nordhausen offen – unabhängig von Studiengang, Semester oder Herkunft. Besonders wichtig ist sie für diejenigen, die neben dem Studium mit belastenden Umständen umgehen müssen: gesundheitliche Probleme, finanzielle Engpässe, die Verantwortung für Angehörige oder die Herausforderung, in einer neuen Stadt oder einem neuen Land anzukommen. Der konkrete Nutzen liegt auf der Hand: Wer früh Unterstützung findet, findet häufiger einen Weg, das Studium fortzusetzen, statt es abzubrechen.

Entwicklung seit Projektbeginn

Seit dem Start im November 2021 ist die Nachfrage nach der Hochschulsozialarbeit deutlich gewachsen. Im ersten, nur zweimonatigen Projektzeitraum gab es 19 Beratungen, 2022 waren es bereits 147 und 2023 dann 94. Seit das Team im September 2024 in neuer Besetzung und mit erhöhter Stundenzahl arbeitet, sind die Zahlen noch einmal spürbar gestiegen: auf 163 Beratungen im Jahr 2024 und 375 im Jahr 2025. Allein bis August 2026 wurden bereits 344 Beratungen gezählt. Insgesamt hat die HSA seit ihrem Bestehen 1.182 Beratungen durchgeführt.

Hinzu kommen aufsuchende Kontakte, mit denen die HSA aktiv auf Studierende zugeht – etwa bei Veranstaltungen oder auf dem Campus. Auch hier zeigt sich die wachsende Reichweite: von 156 Kontakten im Jahr 2024 über 1.313 im Jahr 2025 bis zu 1.390 allein von Januar bis August 2026.

„Die Anliegen der Ratsuchenden sind seit 2021 in etwa gleichbleibend. Zum Beispiel suchen nach wie vor fast 40 Prozent der Ratsuchenden aufgrund psychischer Belastungen die Anlaufstelle der HSA auf – bezogen auf die Vergleichszeiträume 2021 bis 2023 und 2024 bis 2026. Themen wie soziale Isolation, Sozialphobie und Überforderung sind häufige Schwerpunkte in der Beratung. Zudem wurden in den letzten zwei Jahren doppelt so häufig finanzierungsbezogene Herausforderungen sowie Anliegen internationaler Studierender erfasst“, berichtet Ines Jahne, die die interne Evaluation verantwortet.

Warum das Thema über Nordhausen hinaus wichtig ist

Die psychische Gesundheit junger Menschen hat in den vergangenen Jahren spürbar an Bedeutung gewonnen. Studierende gehören zu den Gruppen, die besonders häufig von Stress, Überforderung und Zukunftsängsten berichten – ein Befund, der sich in den Beratungszahlen der HSA unmittelbar widerspiegelt.

Zugleich hat die Region ein handfestes Interesse daran, dass Studierende ihr Studium erfolgreich abschließen. Wer in Nordhausen gut durchs Studium kommt, bleibt häufiger vor Ort und wird zur Fachkraft in einer Region, die auf qualifizierten Nachwuchs angewiesen ist. Die Hochschulsozialarbeit wirkt damit an einer Stelle, an der zwei Themen zusammentreffen, die weit über die Hochschule hinausreichen: die Gesundheit junger Menschen und die Sicherung von Fachkräften in der Region.

Die offene Frage der Weiterfinanzierung

Die HSA wird derzeit durch das Thüringer Ministerium für Bildung, Wissenschaft und Kultur (TMBWK) finanziert. Diese Förderung läuft zum 31. Dezember 2026 aus, eine Anschlussfinanzierung ist bislang nicht gesichert. Damit steht ein Angebot zur Disposition, das sich über Jahre bewährt hat und dessen Wegfall Studierende in schwierigen Lebenslagen ohne verlässliche Anlaufstelle zurückließe. Angesichts der stark steigenden Nachfrage und der belegbaren Wirkung wäre das ein Verlust, der weit über die einzelnen Studierenden hinausginge.

Was HSA und Hochschule bereits unternehmen

Team und Hochschulleitung setzen sich auf mehreren Ebenen für den Erhalt des Angebots ein. Um eine Anschlussfinanzierung zu sichern, werden Drittmittel eingeworben und Förderanträge gestellt. Parallel sucht die Hochschule das Gespräch mit der Politik – vor Ort mit dem Landrat und den Kreistagsfraktionen ebenso wie im Thüringer Landtag, wo die Koalitionsfraktionen angesprochen wurden. Hinzu kommen Gespräche mit dem Studierendenwerk sowie mit den beiden zuständigen Ministerien – dem Ministerium für Bildung und Wissenschaft und dem Ministerium für Gesundheit und Soziales.

Begleitet wird dies von verstärkter Öffentlichkeitsarbeit: Die HSA macht ihre Arbeit und ihre Evaluationsergebnisse über soziale Kanäle wie LinkedIn und Instagram sichtbar, war bei Radio ENNO zu Gast und bereitet einen Auftritt beim MDR vor. Studierende und Lehrende haben zudem eine Videokampagne auf die Beine gestellt, ergänzt durch eine Sharepic-Kampagne. Dass sich so viele Beteiligte einbringen, macht deutlich, wie wichtig das Angebot für die Hochschulgemeinschaft ist.

Wie Sie helfen können

Wer die Hochschulsozialarbeit unterstützen möchte, kann das mit wenig Aufwand tun: Schon eine Unterschrift unter der Petition zum Erhalt des Angebots hilft, dem Anliegen Gewicht zu verleihen und den Studierenden in Nordhausen eine verlässliche Anlaufstelle zu bewahren. Die Petition ist hier zu finden: https://weact.campact.de/petitions/rettung-der-hochschulsozialarbeit-hsa-der-hs-nordhausen


Bildquellen
  • HSA 1: Tina Bergknapp / Hochschule Nordhausen

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