Home | 3-2: Telekom-Werbung – Bedeutung von Spiegelneuronen für emotionale Reaktionen
Marketing-Lehrbuch, Kapitel 3
Konsumentenverhalten → Psychische Prozesse → Aktivierende Prozesse → Emotionen (Kapitel 3.4.1.2)
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Wie gelingt es uns, spontan die Absichten unserer Mitmenschen zu erkennen und uns in andere hineinzuversetzen? Laut Neurowissenschaftlern sind Spiegelneuronen maßgeblich für diese Leistung unseres Gehirns verantwortlich.
Spiegelneuronen sind spezielle Nervenzellen, die aktiv werden, wenn eine Handlung oder ein Ausdruck bei anderen Menschen beobachtet wird. Im Gehirn des Beobachters werden dann die gleichen Bereiche aktiv, die auch bei der beobachteten Person erregt sind, und das Erlebnis des Mitfühlens oder Einfühlens wird vermittelt. Wir müssen eine Geschichte „miterleben“, um sie zu verstehen. Bei diesem Prozess läuft die Vorstellung von Empfindungen bei einer bestimmten Handlung über implizite und unbewusste neuronale Verbindungen ab. Die emotionale Resonanz, welche über eine starke Aktivität der Inselrinde („Insula“) hervorgerufen wird, führt wiederum zu unbewussten Prozessen, welche Mimik und Gestik sowie Fühlen und Handeln entscheidend beeinflussen.
Wie Spiegelneuronen mittels Werbung aktiviert werden können, um bestimmte emotionale Reaktionen auszulösen, lässt sich am Beispiel der Telekomwerbung mit dem Briten Paul Potts veranschaulichen, einem linkischen Handyverkäufer mit schiefen Zähnen, der in der Castingshow „Britain’s Got Talent“ – das britische Pendant zu „Deutschland sucht den Superstar“ – mit einer Puccini-Arie die Massen begeisterte. Im neuen Telekom-Werbespot mit dem Motto „Erleben, was verbindet“ sieht man Paul Potts ersten Auftritt bei der Castingshow und erlebt mit, wie dieser von den Zuschauern verfolgt wird, beispielsweise via Internet, TV und Handy.


Die Betrachter sehen zu Beginn des Werbespots einen dicken, kleinen und vor Angst schielenden Mann, der in einem billigen Anzug steckt. Der Kandidat wird von den drei Juroren mit offener Herablassung gemustert, und auch die Zuschauer, welche die Sendung mittels verschiedener Endgeräte verfolgen, sind skeptisch bzw. amüsieren sich über das bemitleidenswerte Erscheinungsbild des Kandidaten. Aber der Auftritt von Paul Potts verändert alles: Der Saal jubelt ihm zu, die drei Juroren sowie die Zuschauer an den verschiedenen Endgeräten sind offensichtlich positiv überrascht und tief gerührt.
Paul Potts passt hervorragend in das Zeitalter der fieberhaften Selbstoptimierung. Er bietet ein Negativbild. Niemand hätte mit ihm tauschen wollen, als er die Bühne betrat; „Verlierer“ stand ihm auf der Stirn geschrieben. Der Abstand zu Menschen dieser Art stärkt bei den meisten Menschen das Gefühl der eigenen Besonderheit bzw. Überlegenheit. Andererseits rühren Verlierer das Herz. Besonders, wenn sie so verletzlich wirken wie Paul Potts. Der Werbespot nutzt diese durch Spiegelneuronen ausgelöste Rührung, dieses Mitgefühl der Zuschauer mit Paul Potts und bringt die emotionale Reaktion mit der Marke „Telekom“ in Verbindung – unterstützt durch den Slogan „Erleben, was verbindet“ im Abspann des Spots.

Zusatzmaterial zu den einzeln Kapiteln:
3-2: Telekom-Werbung – Bedeutung von Spiegelneuronen für emotionale Reaktionen
3-4: Messung impliziter Einstellung mittels implizitem Assoziationstest (IAT)
3-6: Subjektive Wahrnehmung: Sind zwei Tische identisch oder nicht?
3-7: Das Auge isst mit: Die optische Wahrnehmung beeinflusst unser Hungergefühl
3-8: Febreze: Bedeutung habitualisierter Entscheidungen für das Marketing
4-2: Operationalisierung und Messung der Umweltorientierung von EU-Bürgern
4-4: Berechnung des Stichprobenfehlers bei der Zufallsauswahl
4-5: Screening-Fragebogen zur Realisierung einer vorab definierten Stichprobe
4-6: Konzeption eines Gesprächsleitfadens für eine qualitative Befragung
4-7: Beobachtung des individuellen Essverhaltens im „Restaurant der Zukunft“
4-8: Produktpositionierung: Positionierung einer Smartphone-Marke im Wettbewerbsumfeld
7-1: Kindle Fire – Beeinflussung der Wahrnehmung des Nettonutzens durch Werbung
7-2: Ermittlung des optimalen Stromtarifs mittels Choice-Based-Conjointanalyse
7-4: Beeinflussung der wahrgenommenen Preisgünstigkeit durch Umbrella Pricing
7-7: Hohe Attraktivität privater Finanzierungs- und Leasingangebote für Autos
8-1: Produktpositionierung: Code-Analyse des Markenauftritts zweier Sektmarken
8-12: Werbewirkungsanalyse digitaler Kommunikationsinstrumente
8-3: Die Macht der Megatrends und die Zukunft von Sicherheit und Qualität
8-4: Erfolgreiche und nicht erfolgreiche Social-Media-Kampagnen
8-5: Guerilla-Kommunikation: Nutzung eines Neonazi-Aufmarsches für eine gute Sache
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