Home | 3-8: Febreze: Bedeutung habitualisierter Entscheidungen für das Marketing
Marketing-Lehrbuch, Kapitel 3
Konsumentenverhalten → Psychische Prozesse → kognitive Prozesse → Prozess der Informationsverarbeitung → Arten von Kaufentscheidungen (Kapitel (3.4.2.3)
Vom Zähneputzen am Morgen, dem Kauf der Tageszeitung am Kiosk, bis zum Bettgeh-Ritual: Wir entscheiden nicht jeden Tag alles neu – vielmehr wiederholen wir Verhaltensweisen von Tag zu Tag, ohne darüber nachzudenken. Wissenschaftliche Studien belegen, dass nahezu die Hälfte unserer täglichen Routinen/Abläufe komplett habitualisiert ist. Wir bilden Gewohnheiten heraus, um unser Gehirn zu entlasten. Deshalb haben wir gute Ideen oft beim Duschen oder Spazierengehen – habitualisierte Aktivitäten, die ohne Nachdenken vollzogen werden.
Wie entstehen Gewohnheiten, und wie lassen sie sich für das Marketing nutzen? Ein bestimmtes habitualisiertes Verhalten (z.B. Smartphone aus der Jackentasche ziehen), das durch entsprechende Schlüsselreize (z.B. WhatsApp-Klingelton hören) ausgelöst wird, verspricht eine Belohnung (z.B. sozialen Kontakt herstellen), die wiederum das habitualisierte Verhalten antreibt. Hat sich eine Gewohnheit erst einmal herausgebildet (z.B. habitualisierte Kaufentscheidung bezüglich einer bestimmten Waschmittelmarke), wird sie durch innere Reize (Erinnerung an die frisch riechende Wäsche) oder äußere Reize (Betrachtung eines Werbespots für die Marke) aktiviert – selbst wenn die Belohnung später ausbleibt. Außerdem ist es schwer, Gewohnheiten zu verändern, weil die Schlüsselreize das Verhalten automatisch auslösen. Wenn wir das Verhalten nicht ausführen, von dem unser Gehirn gelernt hat, dass es zur Belohnung führt, dann bewertet das Gehirn diese Verhaltensänderung wie einen Verlust oder eine Bestrafung.
Das Unternehmen Procter & Gamble war sich bei der Markteinführung von Febreze im Jahr 1996 sicher, einen Gewinner zu haben: das erste Spray, das schlechte Gerüche aus praktisch jedem Textilstoff entfernen kann – ideal für Raucher, Katzen- und Hundebesitzer, Sportler, Autofahrer usw. Entsprechend wurde das Produkt positioniert: „Febreze entfernt schlechte Gerüche aus allen Textilien.“ Das Produkt wurde eingeführt, beworben – und war ein Misserfolg.
Marktforschungsstudien ergaben, dass für den Erfolg von Febreze eine wesentliche Voraussetzung fehlte: Es gab kein wahrnehmbares Problem, denn der Geruchssinn hat die Eigenschaft, sich an Gerüche zu gewöhnen („Adaptation“). Beispielsweise nimmt ein Raucher nach kurzer Zeit nicht mehr wahr, dass seine Kleider bzw. seine Wohnung nach Zigarettenrauch riechen. Ohne ein wahrnehmbares Problem gibt es aber auch keine Belohnung, das heißt, das Versprechen, die Kleidung oder eine Wohnung von unangenehmen Gerüchen zu befreien, ist nicht relevant, wenn es subjektiv gar keine unangenehmen Gerüche gibt, weil die Bewohner sich daran gewöhnt haben. Es fehlen sowohl der Schlüsselreiz bzw. Auslöser als auch die Belohnung.
Die Lösung des Problems bestand darin, das neue Produkt in bestehende Routinen einzubinden, anstatt eine neue Routine zu bilden (Kleider und Wohnung mit einem Spray von unangenehmen Gerüchen befreien), denn das war ohne wahrnehmbaren Schlüsselreiz (unangenehmer Geruch) nicht möglich. Als relevante Handlungsroutine eignete sich das Saubermachen. Die „Putz-Gewohnheit“ ist häufig mit positiven Emotionen verbunden – man ist zufrieden mit dem „Putz-Ergebnis“ und fühlt sich in der sauberen Wohnung richtig wohl. Die sauber erscheinende Wohnung stellt die relevante Belohnung dar, und Febreze wurde nun mit dieser Belohnung verknüpft: Zum Abschluss der Putzroutine besprüht man die frisch geputzten Möbel, Betten, Gardinen und Böden mit Febreze. Dem ursprünglich geruchslosen Spray wurden Duftstoffe hinzugefügt, die deutlich wahrnehmbar waren, während das Verschwinden eines üblen Geruchs, an den sich die Riechzellen nach kurzer Zeit „gewöhnt“ haben, nicht wahrnehmbar ist. Der Duft des Sprays verstärkte folglich die aus der Putzroutine resultierende Belohnung. Die Werbung verdeutlichte, dass die Wohnung nun auch so gut duftete, wie sie aussah – nämlich sauber und frisch. Statt Gerüche schmutziger Textilien zu beseitigen, wurde Febreze zum krönenden Abschluss und damit zum Bestandteil der belohnenden Putzroutine.

Zusatzmaterial zu den einzeln Kapiteln:
3-2: Telekom-Werbung – Bedeutung von Spiegelneuronen für emotionale Reaktionen
3-4: Messung impliziter Einstellung mittels implizitem Assoziationstest (IAT)
3-6: Subjektive Wahrnehmung: Sind zwei Tische identisch oder nicht?
3-7: Das Auge isst mit: Die optische Wahrnehmung beeinflusst unser Hungergefühl
3-8: Febreze: Bedeutung habitualisierter Entscheidungen für das Marketing
4-2: Operationalisierung und Messung der Umweltorientierung von EU-Bürgern
4-4: Berechnung des Stichprobenfehlers bei der Zufallsauswahl
4-5: Screening-Fragebogen zur Realisierung einer vorab definierten Stichprobe
4-6: Konzeption eines Gesprächsleitfadens für eine qualitative Befragung
4-7: Beobachtung des individuellen Essverhaltens im „Restaurant der Zukunft“
4-8: Produktpositionierung: Positionierung einer Smartphone-Marke im Wettbewerbsumfeld
7-1: Kindle Fire – Beeinflussung der Wahrnehmung des Nettonutzens durch Werbung
7-2: Ermittlung des optimalen Stromtarifs mittels Choice-Based-Conjointanalyse
7-4: Beeinflussung der wahrgenommenen Preisgünstigkeit durch Umbrella Pricing
7-7: Hohe Attraktivität privater Finanzierungs- und Leasingangebote für Autos
8-1: Produktpositionierung: Code-Analyse des Markenauftritts zweier Sektmarken
8-12: Werbewirkungsanalyse digitaler Kommunikationsinstrumente
8-3: Die Macht der Megatrends und die Zukunft von Sicherheit und Qualität
8-4: Erfolgreiche und nicht erfolgreiche Social-Media-Kampagnen
8-5: Guerilla-Kommunikation: Nutzung eines Neonazi-Aufmarsches für eine gute Sache
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